Mangalitza

Das Wollschwein, auch unter seinem ungarischen Namen "Mangalica" (dt.: Mangalitza) bekannt, trat vor über 150 Jahren seinen Siegeszug durch halb Europa an. Zeitweilig zählte es manchenorts zu den meistgehaltenen Schweinen.

rote_mangalitza.jpgMenge und Qualität seines Speckes suchten ihresgleichen. Seit aber Speck und Schweinschmalz nichts mehr gelten, hat diese alte Leistungsrasse ausgedient, verdrängt von modernen Schinkenlieferanten. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg setzte der Niedergang der Wollschweinzucht ein. Neben der "falschen" Produktionsrichtung (Speck statt Schinken) hatten Wollschweine den zusätzlichen Nachteil, sich nicht industriell halten zu lassen. Intensive Haltungsformen wirken sich negativ auf die Fruchtbarkeit aus.

Die Herkunft der Mangalitzas ist umstritten. Allgemein aber wird davon ausgegangen, daß der Ursprung in den Kronländern der alten Donau-Rotes- Monarchie, jedoch nicht in den Hauptländern Österreich-Ungarns selbst lag.

Rassebeschreibung

Es sind drei Mangalitza-Rassen bekannt: blond, rot und schwalbenbäuchig (mit heller Unterseite). Das blonde Mangalitza wird als ur-ungarisches Fettschwein bezeichnet. Rote Mangalitzas wurden aus dem roten Szalonta-Schwein gezüchtet, das aus Ostungarn-Siebenbürgen stammt, dem heutigen Rumänien. Schwalbenbäuchige Mangalitzas sind aus der Kreuzung des blonden Mangalitzas mit dem serbischen Szerémség (Syrmien)-Schwein entstanden. Die einstmals vorhandenen schwarzen Mangalitzas sind ausgestorben.

Klauen, Rüsselscheibe, Lider und After sind meist schwarz. Die Ohren sind mittelgroß und nach vorn hängend. Der Rücken ist mittellang und mäßig gewölbt, der Rumpf kurz und tief. Mangalitzas sind robust, widerstandsfähig gegen Krankheiten und Streß und können sich dank der kräftigen Beine und starken Klauen in jedem Gelände sicher bewegen. Auch im Winter mögen die Tiere Auslauf im Freien und trotzen dank der dichten Behaarung der Kälte. Besonders im Sommer ist eine ausreichende Suhlmöglichkeit nötig.

Erhaltungsmaßnahmen in Deutschland

In Deutschland werden drei Schläge des Wollschweins gezüchtet: rot, blond und schwalbenbäuchig, wovon eine auf den Blutaustausch mit der Population der Schweiz zurückgeht. In Norddeutschland ist in den letzten Jahren die Zucht durch Eggo Andreesen in Ostfriesland und den Tierpark Warder in Schleswig-Holstein aufgebaut worden. Der eigentliche Zuchtbestand liegt insgesamt etwa bei 160 Tieren, die zumeist bei Kleinzüchtern mit einem bis fünf Tieren gehalten werden. Leider sind nur die wenigsten herdbuchmäßig erfaßt. Die Zuchtsituation dieser Schläge ist sehr unterschiedlich. Derzeit ist die GEH bemüht, unabhängige Zuchtbücher für die Schläge zu erstellen. Häufig gibt es Halter, die sich nicht aktiv an der Zucht beteiligen und nur Einzeltiere zu Schauzwecken halten. Gerade in Tierparks werden Wollschweine gerne als ursprünglichste Rasse gezeigt. Eine Veröffentlichung zum Thema Wollschweine in einem Verbrauchermagazin zog eine große Nachfrage nach diesen Schweinen nach sich. Die GEH hofft, daß sich durch diese Nachfrage mehr Züchter für eine langfristige Wollschweinzucht engagieren. 1997 ist eine Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Wollschweine gegründet worden.

Die Chance der Wollschweine

Wollschweine sind Nutztiere. Wenn sie langfristig überleben wollen, müssen sie irgendeinen Nutzen bringen. Auf dem normalen Schweinefleischmarkt sind sie aber nicht konkurrenzfähig. Ihre Chancen liegen bei der extensiven Weidehaltung. Dabei kommen ihnen ihre Robustheit und ihre gute Klimaverträglichkeit zustatten. Im Gegensatz zu modernen Intensivrassen erleiden sie mit ihren kräftigen Beinen auch auf aufgeweichten Böden keine Gliederdeformationen. Beliebt geworden sind Ausmasten auf Alpen im Sommer und die Kastanienmast auf der Alpensüdseite, die nicht nur mangalitza.jpgqualitativ hochwertiges Fleisch erbringt, sondern gleichzeitig die vorhandenen Kastanienwälder pflegt. Wollschweine werden aber auch zur Bestellung von Äckern und zur Urbarmachung aus der Kultur genommener Böden genutzt. So setzen einige Halter ihre Tiere zum Umbruch der Wiesen für Kartoffeln ein, ja leihen sie sogar ihren Nachbarn zu diesem Zwecke aus. Besonders bewährt haben sich die Wollschweine auch als Reservatspfleger. So kommt jeweils bei Wintereinbruch eine Schar Wollschweine auf eine beim Kreuzlinger Hafen im Bodensee gelegene Kiesinsel, die als Brutstätte für Watvögel dient. Diese Insel wird statt von Baggern von wetter- und winterfesten Wollschweinen vollständig umgegraben. Diese fressen alles, was verdaubar ist (sie lieben Wurzeln), und halten dadurch die Insel von Bewuchs frei. Dieses erfolgreiche Experiment, das international für Aufsehen sorgte, wurde 1993 mit dem Schweizer Preis der Conservation Foundation ausgezeichnet.

Das schmackhafte, marmorierte Fleisch der Wollschweine eignet sich sehr gut zum Grillen. Insbesondere Spanferkel werden im Fleisch kaum je zu trocken. Wegen der problemlosen Haltung sieht man Wollschweine immer mehr auch als sogenannte "Quartierschweine", die auf ihre Weise die organischen Abfälle eines Stadt- oder Dorfquartiers veredeln und gleichzeitig das Verständnis und die Beziehung zum Nahrungsmittel Fleisch bei allen Beteiligten fördern. Neben dem pädagogischen Wert und der Attraktion zu Lebzeiten geben die Quartierschweine nach Mastabschluß jeweils Anlaß zu einem großen gemeinsamen Fest.

Die Zukunft der Wollschweine

In Deutschland, der Schweiz, Österreich und Ungarn erfreuen sich die Tiere zunehmender Beliebtheit. Es erschließen sich Absatzmärkte sowohl im Naturschutz als auch im Verkauf von hochwertigen biologischen Fleischwaren. Die Wollschweine haben durchaus eine Überlebenschance, wenn die Zucht gesichert und die Produktvermarktung gewährleistet werden kann. In den Hauptzuchtländern müssen die Nukleuszuchten noch gefestigt und über die Landesgrenzen hinweg koordiniert werden. Bemühungen dazu sind durch die europäische Dachorganisation SAVE (Saveguard for Agricultural Varieties in Europe) in Angriff genommen worden. Zur Koordination sind vorab die Herdbücher und die Zuchtlinien aufeinander abzustimmen und aktuell zu halten. Ein Treffen der Wollschwein-Projektleiter aus den verschiedenen Ländern soll einen Erfahrungsaustausch zu den verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten und Zuchtrichtungen vertiefen und Lösungen für mögliche vorhandene Inzuchtprobleme aufzeigen. Zur Festigung der Zucht gehört auch die "Professionalisierung" der Züchter. Viel Wissen um die freie, extensive Weidehaltung von Schweinen ging in den letzten Jahrzehnten verloren und muß mühsam neu gewonnen werden. Eine Arbeitsgruppe von Schweizer Wollschweinzüchtern hat die nun gemachten Erfahrungen in Züchterbriefen zusammengestellt. In den einzelnen Ländern sollen Züchtervereinigungen gegründet werden, die sich auch für einen kontinuierlichen Absatz der Produkte einsetzen. Mit den bisherigen Anstrengungen wurde erreicht, daß die Wollschweine überlebten und sich einer großen Beliebtheit bei der Bevölkerung erfreuen. Noch steht aber viel Arbeit bevor (die erst noch finanziell abgesichert werden muß), wenn diese Rasse längerfristig vor dem Aussterben bewahrt werden soll. (Quelle: g-e-h )

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