Schwäbisch-Hällisches Landschwein

Entstehung und Zuchtgeschichte  Die heute bekannten Sattelschweinerassen haben allesamt denselben Ursprung: Sie kamen im 18. Jahrhundert von China nach England, vermutlich durch die Ost-Indische Handelskompagnie, und zwar aus der Provinz Jinhua, einer Mittelgebirgsregion in Zentral-China.

schw.jpgVon England aus eroberten sie ab 1816 den Kontinent, in der Zeit nach Auflösung der Kontinentalsperre gegen Napoleon. So erreichten um das Jahr 1820/21 auf Anordnung König Wilhelms I. von Württemberg, des Landwirts auf dem Königsthron, auch eine Anzahl "Chinesenschweine" die königliche Domäne in Stuttgart-Hohenheim "zur Hebung der Schweinezucht", wie im damaligen landwirtschaftlichen Correspondenzblatt stolz berichtet wird. Die chinesischen Schweine galten als sehr fruchtbar, "eine solche Sau hat 15-18 bis 20-22 Ferkel oft", sie wurden als genügsam und zahm beschrieben; und "daß es den Boden nicht umwühlt.

 Es liefert ferner gutes Fleisch, vorzüglich schmackhaft. Diese Eigenschaften bleiben selbst durch die Paarung mit dem Landschwein." Die angekommenen "Chinesenschweine" wurden auf mehrere königliche Domänen im damaligen Württemberg verteilt, um sie so der Landeszucht zuzuführen.

Bis zu dieser Zeit wurden in Mitteleuropa nur domestizierte Wildschweine (Sus scrofa scrofa) gehalten; mit der Einfuhr chinesischer Maskenschweine (Sus scrofa vittatus) über England entstanden erstmals auf dem Kontinent die heute bekannten Hausschweinerassen. Heute wissen wir, daß zum Beispiel alle bekannten Sattelschweinrassen miteinander verwandt sind und ihren Ursprung in der weltgrößten Schweinenation China haben: das Wessex-Saddleback in England, das Limousin-Schwein in Frankreich, das Baaßner Schwein in Siebenbürgen, Rumänien, die Rasse Presticé in Tschechien, das Neapolitanische Schwein in Italien, das Hampshire-Schwein in USA, das Poland-China- Schwein in USA, die Linzer Schecken in Österreich, das Basken-Schwein in Spanien, das Angler Sattelschwein in der Grafschaft Angeln, das Schwäbisch-Hällische Landschwein in Schwäbisch Hall, das Deutsche Sattelschwein in Ostdeutschland.

Das Deutsche Sattelschwein ist aus der Zusammenführung des Angler Sattelschweins mit dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein auf dem Territorium der ehemaligen DDR in den 1950er Jahren entstanden. Das Schwäbisch-Hällische Landschwein erhielt schließlich seinen Namen durch die Tatsache, daß es sich im damaligen Württembergischen Königreich in der Region um Schwäbisch Hall am besten verbreitet hat. 1844 war im damaligen landwirtschaftlichen Correspondenzblatt zu lesen: "Das Hällische Land ist das Land der Schweine, denn nirgends versteht man sich auf Schweinemast und Schweinezucht so gut wie im Hällischen, nirgends sonst wird sie in der Ausdehnung getrieben und nirgends trifft man die eigenthümliche vorzügliche Race von Schweinen an, welche der Hällische Bauer hat." Es wird so beschrieben, wie wir es auch heute noch kennen: schwarzer Kopf und schwarzes Hinterteil, langgestreckter Körper, mit großen Schlappohren und langem Rüssel. Und weiter: "... zu loben ist ihre Masthaftigkeit, Fruchtbarkeit, die Größe ihrer Ferkel. Man kann aber auch wirklich dem Hällischen Schweine nicht genug zu seinem Lobe sagen." In der Stadt Hall war man so stolz auf die blühende Schweinezucht, daß man 1841 beim Festzug anläßlich des 25jährigen Kronjubiläums von Wilhelm I. in Stuttgart-Canstadt auf der Fahne der Stadt und des Oberamts Hall ein "ächt Hällisches Mutterschwein mit seinen Jungen" vorstellte. 1885 berichtet Amtstierarzt Koch über das Schwäbisch-Hällische Schwein: "...sie werden auch teurer als alle anderen bezahlt." Und weiter "... daß ich schon dreimal die in unserem Bezirke gezüchteten Schweine nach Österreich abschicken mußte. Eben diese Tiere wurden bei der im September 1883 in Linz abgehaltenen großen landwirtschaftlichen Ausstellung mit dem ersten Preise bedacht. Dem Besitzer trug sie die höchste Ehrenauszeichnung, die silberne Verdienstmedaille ein." Im Jahre 1925 wurde erstmals eine Züchtervereinigung für das Schwäbisch-Hällische Landschwein gegründet, und als Zuchtziel wurde festgelegt: "... ein mittelfrühes, verhältnismäßig großwüchsiges Schwein von großer Fruchtbarkeit und mit guter Futterverwertung, das sich zur Herstellung von Frisch- und Dauerwaren eignet."

Zu allen Zeiten war das Schwäbisch-Hällische Landschwein die fruchtbarste aller Schweinerassen. Die Fruchtbarkeit wurde planmäßig gefördert, und allein die Prüfung der Aufzuchtleistung erstreckte sich bis in die 1960er Jahre auf die Merkmale Anzahl geborener Ferkel, Geburtsgewicht, Anzahl Ferkel nach vier Wochen, 4-Wochengewicht (Milchleistung). Veterinärrat Dr. Zimmer aus Schwäbisch Hall-Tüngental berichtet 1950, beim Schwäbisch-Hällischen Schwein wären die hohen Zuchtleistungen undenkbar, wenn die Sauen nicht über ausgesprochen gute Muttereigenschaften verfügen würden. Sie bemuttern und umsorgen ihre Jungen mit besonderer Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Die Schweinehalter selber brauchen keine besondere Sorgfalt und Fürsorge walten zu lassen, wenn eine Sau zur Geburt kommt. Schlechte und gleichgültige Mütter sind von jeher sofort ausgemerzt worden. Diese Eigenschaften machten das Schwäbisch-Hällische Schwein bei den Bauern beliebt. In der großen Blütezeit der Schwäbisch-Hällischen Zucht, in den 50er Jahren, betrug der Marktanteil der Hällischen Rasse in Nord-Württemberg über 90 % und im Landkreis Schwäbisch Hall gar 99,2 %.

Jahre des Niedergangs

In den 60er Jahren begann eine Periode des Niedergangs für die traditionsreiche Landrasse. Es war der Zeitgeist, der nach Standardisierung der Schweinezucht rief, mit dem Ziel, einhaellisches.jpg "industriegerechtes deutsches Einheitsschwein zu züchten", der holländische Magerschweine importieren ließ, die schneller wachsen und "eine Rippe mehr" haben sollten; der Forschung, Lehre und Beratung veranlaßte, den Fortschritt im Einsatz von Antibiotika und Leistungsförderern zu suchen; der alles Althergebrachte als rückständig und altbacken brandmarkte. Bauern, die an den "Mohrenköpfen" festhielten, wurden belächelt und mit Preisabschlägen bestraft. Schließlich hielten nur noch einige wenige kleinere Betriebe Schwäbisch-Hällische Sauen, und 1969 wurde die Zuchtbuchführung auf Anordung der Zuchtleitung in Stuttgart ganz eingestellt. Auf der Schweinezüchterversammlung am 30. Januar 1969 im Gasthaus zur Sonne in Unterscheffach empfahl Landrat Dr. Biser in seinen Grußworten, "den letzten zur Zeit lebenden Schwäbisch-Hällischen Eber dieser Rasse auszustopfen und ins Keckenburgmuseum zu bringen, weil das Schwäbisch-Hällische Schwein weltweit für Schwäbisch Hall geworben hätte". Auf der nächstfolgenden Versammlung am 6. Februar 1970 konstatierte der Leiter des Schwäbisch Haller Landwirtschaftsamts, Dr. Renner, "die Schwäbisch-Hällische Rasse sei endgültig passé". Und 1983 veröffentlichte gar der ehemalige Leiter der Landesanstalt für Schweinezucht in Forchheim, Dr. Gressel, in der Haller Zeitung einen Bericht mit der Überschrift: "Das Schwäbisch-Hällische Landschwein - eine ausgestorbene Schweinerasse".

Rettung der traditionsreichen Landrasse

Doch die Rechnung wurde ohne die hohenloher Bauern gemacht, die einmal mehr bewiesen, daß sie ihren aufrechten Gang nie verlernt haben. In kleineren Betrieben überlebten Restbestände der traditionsreichen Landrasse, weil deren Besitzer einfach nicht einsehen wollten, daß diese robusten, gutmütigen, fruchtbaren und das bekannt schmackhafte Fleisch liefernden Tiere einfach nichts mehr wert sein sollten. Im Jahr 1982 wurden dann auf der Landesgartenschau in Schwäbisch Hall erstmals wieder Schwäbisch-Hällische Schweine dem staunenden Publikum vorgestellt. Die Sauen kamen vom Betrieb Horlacher in Wolpertsdorf bei Schwäbisch Hall, bei dem noch eine kleine Anzahl von Zuchttieren überlebt hatte. Im Winter 1983 traf man sich mehrmals in der Gaststätte zur Sonne in Wolpertshausen, tauschte Erinnerungen und Erfahrungen aus und beschloß schließlich, die verbliebenen Restbestände aus den Betrieben Horlacher Wolpertsdorf und Bühler Wolpertshausen einer Körkommission vorzustellen, die anhand des Erscheinungsbilds dieser letzten Tiere die wertvollsten reinrassigen Sauen auswählen und für ein neu zu eröffnendes Zuchtbuch im Schweinezuchtverband Baden-Württemberg vorschlagen sollte. Daß die genetische Verarmung an Nutztierpopulationen ein ökologisches und gesellschaftlich relevantes Problem sein kann, war zu dieser Zeit noch nicht erkannt, und Versuche zur Rettung alter Haustierrassen wurden eher in den Bereich des Lächerlichen gerückt: "Man könne das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen" und "Was tue man mit dem alten Glump". So starben in den 60er und 70er Jahren einst bedeutende Nutztierrassen aus, wie zum Beispiel das Deutsche Weideschwein, das Baldinger Tigerschwein oder das Triesdorfer Rind. Die Liste ließe sich fortsetzen; einige wenige konnten gerettet werden. Die Verarmung an natürlicher Artenvielfalt ist eine Begleiterscheinung der intensiven und technisierten Landwirtschaft. Insbesondere für den ökologischen Landbau ist es deshalb notwendig und auch Voraussetzung, daß es robuste und genügsame Nutztierrassen gibt, die an die jeweiligen regionalen Verhältnisse angepaßt sind und durch ihre angeborene Vitalität und Gesundheit ohne den Einsatz von pharmazeutischen Hilfsmitteln aufwachsen können. Weitere Motive für die Erhaltung alter Nutztierrassen und im hiesigen Raum besonders auch der Schwäbisch-Hällischen Rasse ist die besondere Produktqualität. Zwar gedeihen Schwäbisch-Hällische Schweine etwas langsamer und haben ihre natürliche Speckauflage bewahrt, doch das Fleisch dieser Rasse ist von unvergleichlich gutem Geschmack und Qualität.

Jahre des Wiederaufbaus

Am 11. Januar 1984 trat dann schließlich eine Kommission unter Leitung von Zuchtleiter Dr. Rittler, Schweinezuchtverband Baden-Württemberg, und den Mitgliedern Ernst Kühnle aus Bühlerzimmern, Vorsitzender des Bezirks Nord-Württemberg im Schweinezuchtverband Baden-Württemberg, sowie den Tier–zuchttechnikern Anton Silberzahn und Karl Hofmann zusammen und beurteilte die vorhandenen Zuchttiere, ob sie zur Aufnahme in ein "Vorbuch" würdig wären. Für eine direkte Aufnahme ins staatlich geführte Zuchtbuch waren die letzten Schwäbisch-Hällischen Tiere wegen "fehlender Daten" nicht vorgesehen. Schlußendlich wurden an diesem denkwürdigen Tag sechs Zuchtsauen aus dem Betrieb Horlacher, Wolpertsdorf und eine noch verbliebene Zuchtsau aus dem Betrieb Bühler in Wolpertshausen als letzte noch existierende reinrassige Schwäbisch-Hällische Schweine im angestammten Zuchtgebiet beurteilt. Bemerkenswert war der Widerstand etablierter Schweinezüchter der "weißen Rasse" und der Pietrainzüchter, die sich vehement gegen eine Neubelebung der Schwäbisch-Hällischen Schweine wehrten. So zeigte sich bald die Notwendigkeit zur Gründung eines eigenen Zuchtverbands für die neue alte Rasse: am 18. Januar 1986 trafen sich in Schwäbisch Hall-Hessental etwa 25 Förderer der alten Landrasse, unter ihnen auch Prof. Dr. Sambraus, der damalige Vorsitzende der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen, und gründeten mit 17 Mitgliedern die Züchtervereinigung Schwäbisch-Hällisches Schwein. Zum Vorsitzenden wurde Rudolf Bühler aus Wolpertshausen bestimmt, zum Zuchtleiter Dr. Rittler vom Schweinezuchtverband Baden-Württemberg. Presse und Rundfunk begleiteten die idealistischen Züchter mit Schlagzeilen wie "Lebende Antiquitäten"; "Kommen die Schwäbisch-Hällischen Schweine wieder?"; "Das Schwäbisch-Hällische Schwein - zu retten was zu retten ist"; oder einfach mit dem Titel "Wiederauferstehung". Nun war ein organisatorischer Rahmen geschaffen für die Aufbauarbeit mit der alten Traditionsrasse. Kosten für Porto, Telefon, Büromaterial, Verkaufsprospekte und eine stundenweise Mitarbeiterin wurden aus eigener Tasche und aus den spärlichen Mitgliedsbeiträgen aufgebracht. Als erste Geschäftsstelle fungierte das Tierzuchtamt in Schwäbisch-Hall. Im Jahr 1987 konnte man erreichen, daß das Land Baden-Württemberg Prämien für die Erhaltung der alten Landrasse zur Verfügung stellte. Seit dieser Zeit erhalten Halter von eingetragenen Schwäbisch-Hällischen Zuchtschweinen einen Zuschuß in Höhe von 150 DM je Wurf reinrassig geborener Ferkel. Allmählich entwickelte sich auch in der Bevölkerung ein Bewußtsein für die Thematik bedrohter Haustierrassen. Umweltschutzverbände, Lehre und Forschung griffen den Gedanken zur Erhaltung genetischer Vielfalt auf und förderten auf ideeller Ebene zunehmend die Arbeit mit alten Rassen. Neben dem Schwäbisch-Hällischen Schwein konnten auf diese Weise auch das Bunte Bentheimer Schwein und das Angler Sattelschwein sowie verschiedene Rinder- und Schafrassen vor dem Aussterben bewahrt werden. Für die Schwäbisch-Hällische Rasse kamen dann der erneute Durchbruch und inter–nationale Beachtung durch ihre großen Erfolge auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin in den Jahren 1987 bis 1990: im bundesweiten Schlachtleistungswettbewerb aller Rassen bekamen Schwäbisch-Hällische Schweine jedes Jahr die ersten Preisränge und stellten gar zweimal den Bundessieger für beste Fleischqualität! Leider wurde dieser Wettbewerb nach der Wende 1990 eingestellt. Nachdem der Zuchttierabsatz aufgrund der erzielten Erfolge florierte, war es an der Zeit, den Markt für den Absatz von Zuchttieren und Schlachtschweinen zu organisieren. Also wurde im Jahr 1988 als Tochterorganisation die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall gegründet. 1990 wurde dann speziell für die Züchter und Halter von Schwäbisch-Hällischen Schweinen ein Beratungsdienst am Landwirtschaftsamt in Schwäbisch Hall eingerichtet.

Neue Blütezeit

Mit Beginn einer florierenden Vermarktung wurde ab 1990 die neue Blüte der Schwäbisch-Hällischen Schweinezucht eingeleitet. Heute sind in der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall 240 Erzeuger zusammengeschlossen, und die Züchtervereinigung Schwäbisch-Hällisches Schwein umfaßt bundesweit 160 Mitglieder. Der Herdbuchbestand der Schwäbisch-Hällischen Schweine beträgt 1997 150 Sauen und 17 Eber. Der Gesamtbestand beläuft sich auf ca. 3500 Sauen bei 250 Züchtern. Das Schwäbisch-Hällische Landschwein trägt heute wieder den Namen der Stadt Schwäbisch Hall in die Welt hinaus. Kürzlich reisten Journalisten aus Japan zur Jahreshauptversammlung der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall an, um über die wundersame Rasse in ihrer Heimat zu berichten. In der zweitgrößten Tageszeitung Japans, "The Asahi Shimbun", wurden dann die Mohrenköpfe in einem zweiseitigen Bericht gewürdigt. Und das Magazin "Der Feinschmecker" berichtete 1994 unter der Überschrift "Das Schwäbisch-Hällische Landschwein - der Superstar unter den Landschweinerassen: Die Feinschmecker und ihre Köche haben das Schwein für die gehobene Küche wiederentdeckt. Allen Skandalen zum Trotz ist Schweinefleisch von wirklich guter Qualität heute leichter zu haben als noch vor einigen Jahren. Alte Rassen kommen wieder. Das Schwäbisch-Hällische Landschwein, der Superstar unter den Landschweinerassen, hat wegen seiner herausragenden Fleischqualität wieder gute Chancen auf dem Markt." Heute sehen wir für das Schwäbisch-Hällische Landschwein wieder optimistisch in die Zukunft. Seine besonderen Eigenschaften für Produktqualität, Weideeignung, Robustheit und Genügsamkeit werden insbesondere in der ökologisch orientierten Landwirtschaft dringend gebraucht. (Quelle: g-e-h)

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